Rala will Synchronsprecherin werden
„Wir sollten kommen und uns verabschieden.“ Dieser Satz hat sich unauslöschlich in das Gedächtnis von Ralas Mutter eingebrannt. Zwei Tage nach dem schweren Autounfall ihrer sechsjährigen Tochter rief das Krankenhaus an – die Überlebenschancen schienen gleich null. Vier Wochen lag Rala im Koma. Ihre Eltern wichen nicht von ihrer Seite, lasen aus ihrem Lieblingsbuch „Ariel, die kleine Meerjungfrau“ vor, massierten ihren Bauch, spielten Musik und arbeiteten mit Düften, um ihre Sinne zu erreichen. Sie hofften – gegen alle Prognosen.
Heute steht Rala aufrecht und konzentriert in einem Tonstudio. Vor ihr läuft ein Zeichentrickfilm über die Leinwand, das Mikrofon ist auf ihre Stimme eingestellt. „Wir sollten kommen und uns verabschieden“, spricht sie in einer Szene – eindringlich, klar, mit Gefühl. Dann wieder fröhlich, wütend oder traurig. Ihre Stimme sprüht vor Lebendigkeit. Die Mitarbeitenden im Studio sind beeindruckt: „Du hast sehr viel Talent“, sagen sie nach dem Workshop. Rala strahlt. Sie will Synchronsprecherin werden.
Dass sie heute wieder sprechen, stehen und träumen kann, grenzt an ein Wunder. Nach dem Erwachen aus dem Koma konnte sie weder sprechen noch selbstständig essen, ihre linke Körperhälfte war spastisch gelähmt. In der Früh-Reha machten die Therapeuten der Familie wenig Hoffnung. Doch Ralas Eltern waren überzeugt: „Unsere Tochter wird wieder gesund.“ Und tatsächlich – zwei Monate später sprach Rala ihre ersten Worte. Bald darauf stand sie wieder auf eigenen Beinen, mit einem frech-glücklichen Lächeln im Gesicht.
Der Unfall veränderte das Leben der ganzen Familie. Ralas Mutter Kathrin ließ sich von ihrem Arbeitgeber freistellen, ihr Vater Marcus wechselte den Job. Alles drehte sich darum, Rala bestmöglich zu fördern und ihr neue Perspektiven zu eröffnen.
Ein Jahr nach dem Unfall nahm die Familie erstmals an einem Familienseminar der ZNS-Stiftung teil. Seitdem sind diese Begegnungen fester Bestandteil ihres Lebens. Der Austausch mit anderen betroffenen Familien, das Teilen von Erfahrungen und das gemeinsame Erleben besonderer Momente geben Kraft. „Der Austausch auf Augenhöhe und wie auf die Stärken und Grenzen der Kinder eingegangen wird, ist extrem wertvoll“, sagt Ralas Vater. „Diese Begegnungen schaffen Freundschaften, die über Jahre halten und in schwierigen Zeiten Halt geben.“
Ralas Geschichte ist eine Geschichte von Mut, Ausdauer und Zuversicht. Und wenn sie heute im Tonstudio steht und Figuren ihre Stimme leiht, dann hört man nicht nur Talent. Man hört auch, wie stark ein Mensch sein kann – selbst wenn alles verloren schien.