Über Hannelore Kohl
Dr. med. h. c. Hannelore Kohl (geboren am 7. März 1933 in Berlin, gestorben am 5. Juli 2001 in Ludwigshafen) war eine Ikone ihrer Zeit. Ihr vielschichtiges Leben fand zu weiten Teilen in der Öffentlichkeit statt. Konsequent nutzte Hannelore Kohl ihre Bekanntheit, um ihr Herzensprojekt voranzubringen: Die Verbesserung der Lebenssituation von Menschen, die bei einem Unfall eine schwere Hirnverletzung davongetragen haben. Mit ihrem unermüdlichen Einsatz wurde sie zur Pionierin der neurologischen Rehabilitation in Deutschland.
Als Ehefrau des Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz übernahm Hannelore Kohl bereits 1971 die Schirmherrschaft über die Neurologische Rehabilitationsklinik Vallendar. Akribisch arbeitete sie sich in das Thema der neurologischen Rehabilitation ein und suchte Kontakt zu Ärztinnen und Ärzten und zu den Betroffenen selbst. Anfang der 80er Jahre hatten hirnverletzte Menschen in Deutschland keine Lobby und blieben häufig ohne angemessene, moderne und individuelle Therapien. Hannelore Kohl wurde zu ihrer Stimme - in Fachkreisen und in der breiten Öffentlichkeit.
Mit der Gründung des Kuratorium ZNS, aus dem später die ZNS-Stiftung hervorging, gelang es Hannelore Kohl, die Belange schädelhirnverletzter Menschen vom Tabu zu einem gesamtgesellschaftlichen Thema zu machen. Dank ihres Engagements wurden flächendeckende Früh- und Rehabilitationseinrichtungen für schwersthirnverletzte Menschen aller Altersgruppen geschaffen. Ihre Natürlichkeit, ihr Fachwissen, ihre Lebensklugheit und ihre Tatkraft öffneten Türen und Herzen für die Belange der Betroffenen und ihrer Angehörigen.
„Was Hannelore Kohl begonnen hat, ist für uns Herausforderung und Verpflichtung für die Zukunft“ – so lautet bis heute das Credo aller, die sich haupt- und ehrenamtlich für die ZNS-Stiftung engagieren.
Am 5. Juli 2021 jährte sich der Todestag von Hannelore Kohl zum zwanzigsten Mal. Lutz Stroppe, Mitglied des Kuratoriums und Vorsitzender des Beirats der ZNS-Stiftung, schildert in diesem Video seinen ganz persönlichen Eindruck von Hannelore Kohl und ihrem Engagement für schädelhirnverletzte Unfallopfer.
Preis für eine besondere Frau
Der „Preis für eine besondere Frau“ wurde anlässlich des 80. Geburtstages von Hannelore Kohl am 7. März 2013 ins Leben gerufen. Er wird anlässlich des Weltfrauentages durch die ZNS-Stiftung vergeben. Mit dem „Preis für eine besondere Frau“ werden Frauen ausgezeichnet und geehrt, die nicht immer im Rampenlicht stehen, durch ihr tägliches Tun jedoch Außergewöhnliches leisten in ihrem Engagement für Menschen mit Schädelhirntrauma und für die Prävention von Kopfverletzungen.
Die Preisträgerinnen der vergangenen Jahre
Die Auszeichnung geht 2021 an zwei Frauen, die die Leben zahlreicher Menschen berührt und verbessert haben: Petra Leroy und Martina Weber.
Mit Martina Weber aus dem pfälzischen Germersheim wird in ehrendem Gedenken eine Frau ausgezeichnet, die zusammen mit ihrem Mann Hans nach dem Unfall ihres Sohnes Raphael im Jahr 1985 selbst aktiv geworden ist. Neben dem Schock über die schrecklichen Unfallfolgen mussten die Eltern feststellen, dass es zu dieser Zeit so gut wie keine Informationen zum Thema erworbene Hirnverletzungen gab. Motiviert durch die eigene Hilflosigkeit lag es Martina Weber am Herzen, ihre eigenen Erfahrungen mit anderen Betroffenen zu teilen. Aber auch das Thema Hirnverletzung in das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit und insbesondere in die Politik zu tragen, war ihr ein Herzensanliegen. Gemeinsam engagierten sich Martina und Hans Weber für den Aufbau der in dieser Zeit kaum vorhandenen Selbsthilfe und gründeten das Fachmagazin „not – für Menschen mit erworbenen Hirnverletzungen“, um anderen Angehörigen dringend benötigte Informationen zukommen zu lassen. 2019 verstarb Martina Weber. Ihre Arbeit wirkt bis heute fort.
Petra Leroy wird für ihr Engagement im Rahmen der von ihr und ihrem Mann initiierten FRIENDS Benefiz-Küchenparty ausgezeichnet. Nachdem Petra Leroy in ihrem Freundeskreis erlebte, wie wertvoll die Unterstützung der ZNS-Stiftung nach einem tragischen Unfallereignis ist, wurde sie selbst aktiv, um Spenden zu sammeln. Seit 2017 organisiert sie zusammen mit ihrem Mann Jörg – und auch mit Unterstützung seines ehemaligen Lehrmeisters: Johann Lafer – regelmäßig kulinarische Benefiz-Veranstaltungen. Beide aktivieren ihr großes Netzwerk und überzeugen Star- und Sterneköche, Lebensmittelproduzenten und Händler, sich im Rahmen der FRIENDS Benefiz-Küchenparty zu engagieren. Die dort gesammelten Spenden fließen in ihr Herzensprojekt, den ZNS-Kochclub, bei dem Leroys gemeinsam mit schädelhirnverletzten Menschen in der Küche stehen und die unterschiedlichsten Gerichte zubereiten. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, da die Betroffenen oft an einer halbseitigen Lähmung oder an dem Verlust ihres Geschmacks- und Geruchssinns leiden. Auch mit Handicap lernen die Teilnehmenden des ZNS-Kochclub, wie sie für sich, ihre Familien und Freunde genussvoll kochen können. Petra Leroy hat auf diese Weise bereits unzähligen Betroffenen Mut gemacht, ihren Alltag wieder besser und genussvoll meistern zu können.
Preisträgerin des Jahres 2019 ist Ingrid Dettenhofer, die als Gründungsmitglied des „Verein zweitesLEBEN e.V.“ maßgeblich zur qualifizierten Nachsorge und Verbesserung der Lebensqualität hirnverletzter Menschen beigetragen hat.
Der Verein mit Sitz in Regensburg unterstützt die Rückkehr schädelhirnverletzter Menschen in ihr verändertes, zweites Leben nach einer Hirnverletzung. Ziel des Vereins ist es, den betroffene Menschen eine durchgängige Versorgungskette und damit die bestmögliche Nachsorge zu ermöglichen. Das regionale Hilfeangebot umfasst das gesundheitliche, berufliche, psycho-soziale und wirtschaftliche Wohl der Betroffenen.
Ingrid Dettenhofer war im Mai 2000 Gründungsmitglied des Vereins und übernahm von Mai 2002 bis Juli 2012 dessen ehrenamtlichen Vorsitz. Heute ist sie ihm als Ehrenvorsitzende weiter verbunden. Stolz ist der Verein auf sein bislang größtes Projekt: das 2008 eröffnete „Haus zweitesLEBEN“. Das Leuchtturm-Projekt des damals ersten neurologischen Nachsorgezentrums in Deutschland bietet bis heute durch seinen ganzheitlichen Ansatz eine beispielgebende Qualität der Nachsorge. Betroffenen wie Angehörigen werden durch die therapeutischen Angebote neue, ermutigende Lebensperspektiven eröffnet.
Der Verein zweitesLEBEN e.V. engagiert sich darüber hinaus auf vielfältige Art für die Belange von Menschen mit erworbener Hirnschädigung: Eine Beratungsstelle, der Betrieb eines Cafés in der Klinik für Neurologische Rehabilitation und die Finanzierung und der Bau von Wohnungen für Menschen mit erworbener Hirnschädigung im Zentrum von Regensburg sind Beispiele für weitere gelungene Projekte des Vereins.
Mit Beate Stahl aus Bensheim wird 2017 eine Frau ausgezeichnet, die mit ihrem 30-jährigen ehrenamtlichen Einsatz eine entscheidende Vorreiterin in der Selbsthilfe für Menschen mit Schädelhirnverletzungen in Deutschland ist.
Das Jahr 1987 wurde zum Wendepunkt in Beate Stahls Leben. Ihre jüngere Schwester erlitt ein Aneurysma. Nach der Akutbehandlung organisierte die damals in Marburg lebende Medizinstudentin die Pflege und Rehabilitation für ihre Schwester. Schnell stellte sie fest: Es gab in ganz Deutschland nur 24 Betten für die Frührehabilitation. Die hirnverletzten Menschen wurden zur damaligen Zeit zwar medizinisch versorgt, aber nicht in ihrer Entwicklung gefördert. Fachkundig und zupackend sah Beate Stahl nur eine Lösung: Sie sammelte alle verfügbaren Informationen, knüpfte Kontakte zu Betroffenen und Ärzten und baute ein großes Netzwerk auf. Gemeinsam mit anderen betroffenen Angehörigen gründete sie 1994 schließlich eine Tagesförderstätte in Heidelberg, in der ihre Schwester und andere schädelhirnverletzte Menschen rehabilitativ betreut wurden.
Immer mehr Anfragen anderer Angehöriger und Betroffener erreichten Beate Stahl. Ihre Expertise wurde für viele Menschen zum wichtigen Rettungsanker. 1995 gründete sie die erste Selbsthilfegruppe für schädelhirnverletzte Menschen in Darmstadt. Gemeinsam mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband baute sie 2001 in Darmstadt die erste Beratungsstelle für Hessen auf, in der sie bis Juni 2016 ehrenamtliche Ansprechpartnerin war. Bis heute ist sie ehrenamtlich in der Beratung schädelhirnverletzter Menschen und ihrer Angehörigen tätig und wirkte bis 2025 als Vertreterin der BAG Nachsorge in der AG Teilhabe mit.
Für ihr außergewöhnliches Engagement bei der Prävention von Kopfverletzungen zeichnete die ZNS-Stiftung im Jahr 2015 Polizeihauptkommissarin Ellen Haase aus Gütersloh aus.
Ellen Haase setzt sich seit vielen Jahren als Verkehrssicherheitsberaterin der Polizei und bundesweit anerkannte Radhelm-Expertin für das Helmtragen beim Radfahren ein. Auch über ihre aktive Dienstzeit hinaus engagiert sie sich leidenschaftlich für Fragen der Verkehrssicherheit und hat dabei besonders Kinder, Jugendliche und Seniorinnen und Senioren im Fokus.
Seit Beginn ihrer Dienstzeit im Jahr 1977 hat die Gütersloher Polizistin und spätere Opferschutzbeauftragte für Unfallopfer der Kreispolizeibehörde viele schwere Unfälle gesehen und sich mit den Schicksalen der Unfallopfer auseinandergesetzt. Ellen Haase ist überzeugt, dass der selbstverantwortliche Schutz von Radfahrern, beispielsweise durch Helme und Reflektoren, viele Unfälle vermeiden hilft oder zumindest die Schwere der Unfallfolgen mildern kann.
Preisträgerin des Jahres 2013 ist Marita Kulla aus Bottrop. Marita Kulla pflegte jahrelang ihren Sohn Gavin, der bei einem Fahrradunfall 2002 im Alter von zwölf Jahren schwerste Kopfverletzungen erlitt. Sie gab ihren Sohn in den nachfolgenden Jahren nie auf. Durch ihre Pflege, zahlreiche Operationen, Reha-Maßnahmen und Therapien lernte Gavin wieder selbständig zu essen, zu trinken und zu laufen.
In ihrer berührenden Dankesrede, die Marita Kulla bei der Preisverleihung im Rahmen des festlichen Benefizkonzertes anlässlich des 30-jährigen Gründungsjubiläums der ZNS-Stiftung hielt, betonte sie, dass sie den Preis stellvertretend für die vielen Angehörigen schädelhirnverletzter Menschen entgegennimmt, die sich täglich für ihre Familienmitglieder einsetzen. Diese Menschen stünden selten im Rampenlicht, obwohl sie Außergewöhnliches leisten. Ihre Geschichten seien nicht unbeschwert und oft fehle ihnen ein gutes Ende. So leider auch bei Marita und Gavin Kulla. Gavin verstarb im Januar 2013 an den Spätfolgen seiner Verletzung.