Krankheitsbild
Das Gehirn ist die Steuerzentrale des Körpers. Es verarbeitet Sinneseindrücke, ermöglicht Denken, Sprechen, Bewegung und den Ausdruck von Gefühlen. Gleichzeitig reguliert es lebenswichtige Vorgänge wie Atmung, Kreislauf, Körpertemperatur und den Hormonhaushalt des Menschen.
Das Gehirn besteht aus zwei Hirnhälften. Deren Oberfläche ist in verschiedene Hirnlappen gegliedert, die jeweils unterschiedliche Aufgaben übernehmen:
- Der Frontallappen ist unter anderem für Planung, Verhalten, bewusste Bewegung und Sprachbildung zuständig.
- Der Schläfenlappen spielt eine zentrale Rolle für Gedächtnis, Sprachverständnis und das Hören.
- Der Scheitellappen verarbeitet vor allem Empfindungen aus dem Körper.
- Der Hinterhauptlappen ist für das Sehen verantwortlich.
Weitere wichtige Bereiche sind das Kleinhirn, welches die Bewegungen koordiniert und das Gleichgewicht unterstützt, sowie der Hirnstamm, der grundlegende Funktionen wie Bewusstsein, Atmung und Blutdruck steuert.
Geschützt wird das Gehirn durch den Schädel, die Hirnhäute und das umgebende Nervenwasser. Kommt es zu einem Schädelhirntrauma und das Gehirn wird verletzt, kann dies gravierende Folgen haben.
Als Schädelhirnverletzung oder Schädelhirntrauma (SHT) bezeichnet man eine durch äußere Gewalteinwirkung verursachte Verletzung des Schädels und des Gehirns. Leichte Verlaufsformen sind vielen Menschen vor allem unter dem Begriff Gehirnerschütterung bekannt. Ein Schädelhirntrauma kann sehr unterschiedliche neurologische Symptome hervorrufen: von Benommenheit, Kopfschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen oder Übelkeit bis hin zu Krampfanfällen, Lähmungen und tiefer Bewusstlosigkeit. Werden durch die Verletzung Haut, Knochen und die harte Hirnhaut eröffnet, spricht man von einer offenen Schädelhirnverletzung.
Ein Schädelhirntrauma kann folgenlos ausheilen oder zu anhaltenden körperlichen, kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen führen. Der Verlauf ist individuell sehr unterschiedlich und lässt sich gerade in der frühen Phase nur eingeschränkt vorhersagen. Schädelhirnverletzungen stellen komplexe Krankheitsbilder dar, deren Entwicklung von Art und Ausmaß der Schädigung, möglichen Begleitverletzungen sowie der medizinischen Versorgung beeinflusst werden. Häufig sind eine engmaschige medizinische Überwachung, gezielte Therapien und eine langfristige neurologische Rehabilitation erforderlich.
Im Augenblick der Gewalteinwirkung auf den Kopf kann es durch die ruckartige Bewegung zum Anprall des Gehirns gegen den Schädel und durch Scherbewegungen des Gehirns zu Verletzungen der Nervenzellen mit Zerreißungen der Nervenverbindungen, aber auch zu Zerreißungen kleiner Blutgefäße kommen. Solche Schädigungen werden als primärer Hirnschaden bezeichnet.
Durch verschiedene Mechanismen, wie mangelnde Blutversorgung und Entzündungsreaktionen, kann es in den verletzten Arealen zu einer weiteren Schädigung des Nervengewebes kommen. Diesen zusätzlichen, sich später entwickelnden Schaden, bezeichnet man als sekundären Hirnschaden.
Schädelhirnverletzungen können die Kopfhaut, den Schädelknochen, die Hirngefäße und die Gehirnsubstanz betreffen.
Weichteilverletzungen: Bei den Weichteilverletzungen handelt es sich um die z.T. heftig blutenden Kopfplatzwunden, Skalpierungsverletzungen und Einschlüsse von Fremdkörpern (z.B. Glas).
Knöcherne Verletzungen: Die knöchernen Verletzungen betreffen die Schädeldecke (Kalotte) mit Berstungs- und Trümmerfrakturen, aber auch die Schädelbasis mit Verletzungen von Blutgefäßen, die in den Kopf eintreten oder Verletzungen von Hirnnerven, die aus dem Schädel austreten.
Verletzungen der großen Blutgefäße: Es können Verletzungen der großen Blutgefäße, insbesondere Einrisse der großen Halsschlagader auftreten. Venenverletzungen führen zu einer bedrohlichen Abflussbehinderung, Verletzungen an den kleineren arteriellen Hirngefäße können Blutungen auf dem Gehirn (epidurale oder subdurale Hämatome) oder in das Gehirn verursachen.
Verletzung der harten Hirnhaut: Ein Riss in der harten Hirnhaut in der Nähe der Nebenhöhlen lässt Hirnwasser aus dem Schädel austreten (Liquorrhoe). In der Folge kann Luft ins Schädelinnere gelangen. Man spricht von einem offenen Schädelhirntrauma.
Schädigung des Gehirns: Direkte Schädigungen des Gehirns treten bei Schädelhirntraumata insbesondere an den Nervenzellen und deren Verbindungen auf.
Ein häufig bedeutsames Symptom nach einer Schädelhirnverletzung ist die Bewusstlosigkeit, wenngleich eine Schädelhirnverletzung nicht an eine Bewusstlosigkeit gebunden ist. Bewusstlos ist eine Person, wenn sie auf Ansprache und/oder auf einen Schmerzreiz keine Reaktion zeigt - anders als bei einem Schlafenden, der durch den Schmerzreiz erwachen würde.
Für die Prognose sowie die Einteilung der Schweregrade wird klassischerweise die Glasgow-Coma-Scale (GCS) verwendet. Die Augenöffnung, die beste verbale Reaktion und die beste motorische (Bewegungs-)Reaktion auf Ansprache oder Reiz werden betrachtet und mit Punkten bewertet. Die maximal erreichbare Punktzahl ist 15: hier gelten Menschen als wach und vollständig orientiert, das Minimum ist 3: hier weisen Menschen kein Bewusstsein sowie keine Schutzreflexe mehr auf. Je niedriger die Punktzahl ist, desto schwerer ist demzufolge das Schädelhirntrauma.
Einteilung nach GSC-Wert
- Leichtes SHT = 13 bis 15 Punkte auf der GCS
- Mittleres SHT = 9 bis 12 Punkte auf der GCS
- Schweres SHT = 3 bis 8 Punkte auf der GCS
Der GCS-Wert beschreibt immer nur einen aktuellen Zustand. Er kann sich jederzeit verbessern oder verschlechtern, weshalb er im Behandlungsverlauf regelmäßig neu erhoben wird. Die Dokumentation des Befundes hilft, diese Veränderungen festzustellen. Um die Tiefe der Bewusstlosigkeit sowie eine Erhöhung des Schädelinnendrucks zu überprüfen, wird unter anderem die Pupillenreaktion getestet. Ein Auge, in das Licht fällt, reagiert sofort mit einem Engstellen der Pupille. Bei einer Erhöhung des Schädelinnendrucks, z.B. durch eine Einblutung, funktioniert diese Reaktion nicht mehr. Die Pupille bleibt trotz Lichteinfall weit. Dies kann ein Hinweis auf eine akut lebensbedrohliche Situation sein und wird daher in der medizinischen Akutversorgung sorgfältig und regelmäßig überprüft.
Die Gehirnerschütterung ist eine landläufig häufig genutzte Bezeichnung für ein leichtes Schädelhirntrauma und stellt die häufigste Form der Schädelhirnverletzung dar.
Eine Gehirnerschütterung entsteht durch eine direkte Gewalteinwirkung auf den Kopf oder durch eine indirekte Krafteinwirkung auf den Körper, bei der es zu einer ruckartigen Beschleunigungs- und Abbremsbewegung des Gehirns im knöchernen Schädel kommt.
In der Folge treten vorübergehende Funktionsstörungen der Nervenzellen auf, ohne dass in der Regel strukturelle Verletzungen in der Bildgebung nachweisbar sind. Vereinfacht lässt sich dies als eine zeitweise Störung der Informationsverarbeitung im Gehirn beschreiben, wodurch die volle Leistungsfähigkeit vorübergehend eingeschränkt ist.
Wichtig ist, zu betonen, dass es auch bei dieser vergleichsweise leichten Form der Schädelhirnverletzung zu langfristigen Folgen kommen kann, wenn eine Gehirnerschütterung nicht rechtzeitig als solche erkannt und behandelt wird. Auch eine Gehirnerschütterung ist daher eine ernst zu nehmende Verletzung.
Beschwerden und Symptome
Ein leichtes Schädelhirntrauma kann sich sehr unterschiedlich äußern. Zu den häufigsten Beschwerden zählen Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Nackenschmerzen, Schwäche, Müdigkeit und verschwommenes Sehen. Häufig bestehen zudem Benommenheit, Verwirrtheit sowie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Seltener treten Bewusstseinsstörungen oder ein akuter Erinnerungsverlust auf, dies betrifft nur etwa 10 bis 30 Prozent der Betroffenen. Auch verlangsamte Informationsverarbeitung, Koordinationsstörungen, Wahrnehmungs-, Hör- oder Sehstörungen, Verhaltensveränderungen sowie Schlafstörungen können vorkommen.
Eine Bewusstlosigkeit ist nicht zwingend erforderlich und liegt nur bei einem Teil der Betroffenen vor. Gerade deshalb wird eine Gehirnerschütterung nicht immer sofort erkannt. Häufige Ursachen sind Verkehrs- und Sportunfälle oder Stürze.
Medizinische Abklärung und frühe Versorgung
Nach jeder vermuteten Gehirnerschütterung sollte eine ärztliche Untersuchung erfolgen. In Deutschland wird häufig eine stationäre Überwachung über 24 Stunden empfohlen, um mögliche Komplikationen frühzeitig zu erkennen. Schwerwiegende Zusatzverletzungen wie Hirnblutungen sind bei isolierten Gehirnerschütterungen selten, sollten jedoch sicher ausgeschlossen werden. Bei unauffälligem Verlauf erfolgt meist am Folgetag die Entlassung mit Verhaltensempfehlungen. In den ersten 24 Stunden sollte eine Betreuungsperson verfügbar sein. Bei neu auftretenden oder zunehmenden Beschwerden ist eine erneute ärztliche Vorstellung erforderlich.
Verlauf, Erholung und postkommotionelles Syndrom
Bei den meisten Menschen kommt es nach einer Gehirnerschütterung zu einer vollständigen Erholung. Typischerweise bilden sich die Beschwerden innerhalb von Tagen bis Wochen zurück, häufig innerhalb von bis zu drei Monaten. Die Erholungsdauer ist individuell verschieden und kann sich unter anderem bei Kindern, älteren Menschen und Frauen, bei vorangegangenen Gehirnerschütterungen sowie bei bestehenden psychischen oder chronischen Vorerkrankungen verlängern.
Bei einem Teil der Betroffenen halten die Symptome länger an. In diesem Fall spricht man von einem postkommotionellen Syndrom. Es kann mit anhaltenden körperlichen, kognitiven und emotionalen Beschwerden einhergehen und erfordert eine gezielte medizinische und therapeutische Begleitung.
Rückkehr in Alltag, Schule und Sport
Auch wenn eine Gehirnerschütterung als leichtes Schädelhirntrauma eingestuft wird, handelt es sich um eine ernstzunehmende Verletzung des Gehirns. Für die Erholung ist es entscheidend, körperliche und geistige Belastungen nicht zu früh und nicht unkontrolliert zu steigern. Die Rückkehr in Schule, Ausbildung, Beruf und Sport sollte schrittweise, symptomorientiert und unter fachlicher Begleitung erfolgen.
Die Initiative „Schütz deinen Kopf“ der ZNS-Stiftung setzt sich seit über 10 Jahren dafür ein, strukturierte und sichere Konzepte zur Rückkehr in die Schule („Return to School“) und den Sport („Return to Sport“) bekannt zu machen und zu fördern. Ziel ist es, Überlastungen, Rückschläge und das Risiko weiterer Hirnverletzungen zu vermeiden. Ein individuell angepasstes Vorgehen unterstützt die nachhaltige Erholung und trägt dazu bei, langfristige Beschwerden zu reduzieren.
Weiterführende Informationen finden Sie auf der Seite Prävention
Nach schweren Verletzungen des Gehirns kann es zu unterschiedlichen Formen von Bewusstseinsstörungen kommen. Dazu zählen das Koma, das apallische Syndrom (Wachkoma) sowie sogenannte Durchgangssyndrome. Diese Zustände stehen häufig in einem zeitlichen und inhaltlichen Zusammenhang und können Teil eines längerfristigen Erholungsprozesses sein. Der zentrale Unterschied zwischen Koma und dem Syndrom reaktionsloser Wachheit (Wachkoma) liegt in der Wachheit: Im Koma fehlen sowohl Wachheit als auch bewusste Wahrnehmung. Beim Syndrom reaktionsloser Wachheit ist Wachheit vorhanden, ein bewusstes Erleben jedoch nicht nachweisbar:
Apallisches Syndrom, Wachkoma, Syndrom reaktionsloser Wachheit (SRW)
Das Wachkoma, medizinisch als „apallisches Syndrom“ bezeichnet und heute fachlich präziser als „Syndrom reaktionsloser Wachheit“ (SRW) benannt, beschreibt einen Bewusstseinszustand, in dem Betroffene wach erscheinen, jedoch keinen bewussten Kontakt zur Umwelt aufnehmen können. Die unterschiedlichen Begriffe beziehen sich auf denselben klinischen Zustand und unterscheiden sich lediglich in ihrer sprachlichen und historischen Verwendung.
Charakteristisch für dieses Krankheitsbild ist, dass die Augen geöffnet sind und ein Schlaf-Wach-Rhythmus besteht, ohne dass ein gezielter Blickkontakt, verständliche Kommunikation oder nachvollziehbare Reaktionen auf äußere Reize nachweisbar sind. Bewegungen treten überwiegend ungerichtet oder reflexartig auf. Häufig bestehen eine deutlich erhöhte Muskelspannung sowie Störungen der Kontrolle von Blase und Darm. Vegetative Funktionen wie Atmung und Kreislauf sind in der Regel erhalten. Die Nahrungsaufnahme erfolgt meist über eine Sonde.
Wissenschaftlich bedeutsam ist, dass dieser Zustand häufig nicht dauerhaft ist. Viele Betroffene zeigen im Verlauf eine schrittweise Verbesserung des Bewusstseinszustandes, insbesondere unter intensiver und langfristiger rehabilitativer Behandlung. Um diesen veränderlichen Verlauf zu betonen, wird zunehmend der Begriff „apallisches Durchgangssyndrom“ verwendet. Bei einem Teil der Betroffenen bleibt der Zustand jedoch gleichbleibend bestehen. Eine sichere Prognose ist besonders in frühen Phasen nur eingeschränkt möglich. Entscheidend sind eine kontinuierliche medizinische Betreuung, spezialisierte Pflege und eine gezielte neurologische Rehabilitation.
Koma
Ein Koma ist ein Zustand tiefster Bewusstlosigkeit. Betroffene sind nicht wach, öffnen die Augen nicht und reagieren nicht gezielt auf äußere Reize. Dieser Zustand tritt häufig unmittelbar nach einer schweren Hirnschädigung auf und kann unterschiedlich lange andauern.
Die möglichen Folgen eines Schädelhirntraumas sind vielfältig und nicht immer eindeutig aus dem Schweregrad der ursprünglichen Verletzung abzuleiten. Zwar besteht grundsätzlich ein Zusammenhang zwischen der Schwere des Schädelhirntraumas und dem Ausmaß möglicher Beeinträchtigungen, der individuelle Verlauf ist jedoch sehr unterschiedlich. Auch nach einer Gehirnerschütterung können anhaltende oder bleibende Folgen auftreten, während sich Betroffene nach einem schweren Schädelhirntrauma teilweise besser erholen als zunächst erwartet.
Die Auswirkungen reichen von leichten bis hin zu schweren körperlichen, kognitiven, emotionalen und psychosozialen Beeinträchtigungen und können sich im Verlauf verändern.
Kognitive und neuropsychologische Folgen
Nach einem Schädelhirntrauma treten häufig kognitive und neuropsychologische Beeinträchtigungen auf. Dazu zählen Einschränkungen der Aufmerksamkeit und Konzentration, des Gedächtnisses, der Sprache, der Orientierung sowie des Denkens und der Handlungsplanung. Diese kognitiven Veränderungen sind häufig von außen nicht unmittelbar erkennbar, können jedoch den Alltag, die Selbstständigkeit sowie die schulische oder berufliche Leistungsfähigkeit erheblich beeinflussen. Weitergehende Informationen finden Sie in unserer Broschüre „Neuropsychologische Störungsbilder“
Emotionale Veränderungen und Verhaltensänderungen
Viele Betroffene erleben nach einem Schädelhirntrauma Veränderungen im emotionalen Erleben und in ihrem Verhalten. Dazu gehören unter anderem erhöhte Reizbarkeit, emotionale Instabilität, ausgeprägte Unruhe, Antriebslosigkeit, depressive Verstimmungen oder aggressive und impulsive Reaktionen. Diese Veränderungen können für Betroffene selbst und für ihre Angehörigen sehr belastend sein.
Körperliche Folgen
Neben kognitiven und emotionalen Beeinträchtigungen treten häufig auch körperliche Einschränkungen auf. Dazu zählen beispielsweise Lähmungen, Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen, Schmerzen (insbesondere Kopfschmerzen), eine erhöhte Muskelspannung oder Spastik sowie eine ausgeprägte Erschöpfbarkeit (Fatigue).
Psychosoziale Auswirkungen
Die genannten Folgen bestehen meist nicht isoliert, sondern in Kombination. Dadurch können sich weitreichende psychosoziale Auswirkungen ergeben, etwa Einschränkungen der Selbstständigkeit, Schwierigkeiten im Berufs- oder Schulalltag, Veränderungen in Partnerschaft und Familie sowie der soziale Rückzug oder Überforderung im Alltag. Der Unterstützungsbedarf kann sich im Verlauf verändern und betrifft häufig auch das soziale Umfeld.
Zahlen, Daten & Fakten
In Deutschland erleiden jährlich etwa 674.000 Menschen ein Schädelhirntrauma. Diese Zahl verdeutlicht, dass es sich um eine häufige und gesellschaftlich hoch relevante Erkrankung handelt. Allein 423.000 Krankenhauseinweisungen pro Jahr erfolgen aufgrund einer Schädelhirnverletzung, hinzu kommen zahlreiche ambulant versorgte Betroffene, die in der amtlichen Statistik lange Zeit kaum erfasst wurden. Die Sterberate infolge von Schädelhirnverletzungen liegt in Deutschland bei über 7.000 Todesfällen jährlich.
Über viele Jahre wurde die jährliche Zahl der Schädelhirntraumata in Deutschland deutlich niedriger eingeschätzt. Grundlage waren Krankenhausstatistiken des Statistischen Bundesamtes (DESTATIS), die vor allem stationär behandelte Fälle mit einem Schädelhirntrauma als Hauptdiagnose abbilden. Diese Statistik weist zuletzt rund 246.000 Fälle pro Jahr aus; daraus wurde lange Zeit eine Gesamtzahl von etwa 270.000 Betroffenen jährlich abgeleitet. Dieses Vorgehen unterschätzt jedoch die tatsächliche Krankheitslast erheblich.
Neuere Auswertungen zeigen, dass in den Krankenhausdaten zusätzlich jährlich etwa 176.000 Fälle erfasst werden, bei denen ein Schädelhirntrauma als Nebendiagnose (ICD-10 S06) dokumentiert ist. Dabei handelt es sich um Patientinnen und Patienten, die zwar wegen einer anderen Hauptdiagnose stationär behandelt werden, gleichzeitig jedoch ein relevantes Schädelhirntrauma erlitten haben. Darüber hinaus bleiben ambulant behandelte Fälle in der amtlichen Statistik weitgehend unsichtbar. Krankenkassenanalysen zeigen, dass rund 37 % aller Betroffenen ausschließlich ambulant versorgt werden (Rickels et al., 2023). Werden diese bislang ausgeblendeten Gruppen berücksichtigt, ergibt sich die heute anerkannte Gesamtschätzung von 674.000 Schädelhirntraumata pro Jahr in Deutschland.
Zur langfristigen Krankheitslast liegen bislang vor allem Daten aus großen Krankenkassen-Kohortenstudien vor. Die 10-Jahres-Analyse von Rickels et al. (2023) zeigt, dass Menschen nach einem Schädelhirntrauma ein deutlich erhöhtes Risiko für neurologische und psychische Folgeerkrankungen, Pflegebedürftigkeit sowie dauerhafte Einschränkungen der Erwerbsfähigkeit haben. Viele Betroffene leiden noch Jahre nach dem Ereignis unter kognitiven Beeinträchtigungen, emotionalen Veränderungen, Fatigue, Kopfschmerzen oder Einschränkungen der gesellschaftlichen Teilhabe – auch dann, wenn das initiale Trauma als „mild“ eingestuft wurde.
Bereits die prospektive Multicenter-Studie von Rickels, von Wild, Wenzlaff und Bock (2006) hatte gezeigt, dass die Nachsorge vieler Betroffener unzureichend ist und relevante Folgeschäden dadurch nicht frühzeitig erkannt oder behandelt werden. Die Studie machte deutlich, dass insbesondere ambulante Verläufe und funktionelle Langzeitfolgen systematisch unterschätzt werden. Diese Defizite bestehen bis heute fort: Schweregrade, ambulante Verläufe und langfristige funktionelle Einschränkungen werden in Routinedaten nur unzureichend abgebildet, und eine systematische Erfassung von Teilhabe, Lebensqualität und neuropsychologischen Folgen fehlt weitgehend.
Beide Studien verdeutlichen, dass das Schädelhirntrauma kein isoliertes Akutereignis, sondern eine lebenslange, chronische Herausforderung für die Betroffenen und das Gesundheitssystem darstellt. Hier setzt die Arbeit der ZNS-Stiftung an: Sie unterstützt Forschungsprojekte zur Verbesserung der Datenlage, macht epidemiologische Zusammenhänge und Versorgungslücken sichtbar und setzt sich fachlich sowie gesundheitspolitisch dafür ein, dass Prävention, Akutversorgung, Rehabilitation und langfristige Nachsorge von Menschen mit Schädelhirntrauma bedarfsgerecht weiterentwickelt werden.
Behandlung
Bereits am Unfallort prüft der Rettungsdienst lebenswichtige Funktionen wie Atmung, Kreislauf und Blutdruck, stillt starke Blutungen und beurteilt den neurologischen Zustand sowie mögliche weitere Verletzungen. Die Reaktion auf Ansprache gibt dabei erste Hinweise darauf, ob eine Person wach, bewusstseinsgetrübt oder bewusstlos ist. Bei bewusstlosen Menschen besteht die Gefahr, dass die Atmung nicht gesichert ist oder Blut und Speichel in die Lunge gelangen. In solchen Fällen kann es notwendig sein, die Atmung durch das Einführen eines Luftröhrenschlauchs (Intubation) zu sichern.
Das geeignete Krankenhaus wird vom Rettungsdienst nach regionalen Vorgaben und vorhandenen Fachabteilungen ausgewählt. Bei Bewusstseinsstörungen, neurologischen Auffälligkeiten oder Hinweisen auf einen Schädelbruch werden Betroffene in der Regel in Kliniken mit neurochirurgischer Versorgung gebracht. Besteht jedoch akute Lebensgefahr, kann zunächst auch das nächstgelegene Krankenhaus angefahren werden, um die Versorgung lebenswichtiger Funktionen sicherzustellen.
In der Notaufnahme des Krankenhauses erfolgt die weitere Behandlung im sogenannten Schockraum. Dort werden Atmung und Kreislauf stabilisiert und der Körper wird auf weitere Verletzungen untersucht. Gleichzeitig wird der neurologische Zustand beurteilt, unter anderem durch die Kontrolle der Pupillenreaktion, der Bewegungen von Armen und Beinen sowie durch die Untersuchung des Kopfes. Eine Computertomographie (CT) zeigt, ob Blutungen und/oder gefährliche Verschiebungen von Hirngewebe vorliegen. In solchen Fällen ist eine rasche operative Behandlung oft lebensrettend. Zu diesem frühen Zeitpunkt lässt sich der spätere Verlauf noch nicht zuverlässig vorhersagen.
Große Blutungen im Schädelinneren müssen in der Regel unmittelbar operiert werden. Hiervon zu unterscheiden sind viele kleine Einblutungen in das Gehirngewebe, die ebenfalls raumfordernd sein können. Ein Verschluss von Schädelbrüchen ohne Verletzung des Hirngewebes sowie Schädelbasisbrüchen mit Hirnwasserleck werden erst vorgenommen, wenn der Allgemeinzustand der Patientin bzw. des Patienten stabil ist.
Nach der Untersuchung, dem CT sowie der Operation muss entschieden werden, ob die Verletzungen so bedrohlich sind, dass eine Überwachung auf einer Intensivstation notwendig wird oder ob die Behandlung auf einer Überwachungs- oder Normalstation ausreicht.
Auf der Intensivstation werden wichtige Körperfunktionen wie Herzschlag, Blutdruck und Körpertemperatur kontinuierlich überwacht. Um den Druck im Schädel (Hirndruck) möglichst gering zu halten, werden häufig schlaf- und schmerzlindernde Medikamente eingesetzt (Sedierung und Analgesie). Der Oberkörper wird leicht erhöht gelagert und der Kopf liegt möglichst gerade, um den Blutabfluss aus dem Kopf zu unterstützen. Wenn eine längere künstliche Beatmung zu erwarten ist, kann ein Luftröhrenzugang angelegt werden (Tracheotomie).
Nach schweren Schädelhirnverletzungen kann es in den ersten Tagen bis Wochen zu einer Schwellung des Gehirns (Hirnödem) und damit zu einem gefährlichen Anstieg des Hirndrucks kommen. Um diesen Druck kontinuierlich zu überwachen, kann eine Messsonde eingesetzt werden (Hirndruckmessung). Steigt der Hirndruck trotz Behandlung weiter an, kann eine sehr tiefe Narkose notwendig werden. In bestimmten Fällen wird auch ein Teil des Schädelknochens entfernt, um dem geschwollenen Gehirn mehr Platz zu geben (dekompressive Kraniektomie).
Nach Stabilisierung und dem Ende der akuten Behandlungsphase erfolgt in der Regel die Verlegung in eine neurologische Rehabilitationsklinik.
Hirnnervenstörungen
Hirnnervenstörungen treten nach Schädelhirnverletzungen vergleichsweise häufig auf. Besonders betroffen ist der Geruchssinn. Auch Lähmungen der Gesichtsmuskulatur sowie weitere Störungen der Hirnnervenfunktionen sind möglich. Darüber hinaus können Beeinträchtigungen der Augenmuskeln oder des Sehnervs, Gefühlsstörungen oder Schmerzen im Gesichtsbereich auftreten. Verletzungen der unteren Hirnnerven (kaudale Hirnnerven) können zu Schluckstörungen führen.
Posttraumatische Anfälle
Nach einer Schädelhirnverletzung kann es zu Krampfanfällen kommen. Ob sich daraus ein dauerhaftes Krampfleiden (Epilepsie) entwickelt, lässt sich nicht sicher vorhersagen. Eine vorbeugende medikamentöse Behandlung wird in der Regel nicht empfohlen. Anfälle können sowohl kurz nach dem Unfall als auch erst zu einem späteren Zeitpunkt auftreten und werden dann gezielt behandelt.
Störungen der Hirnwasserzirkulation (Hydrozephalus)
Im Verlauf einer Schädelhirnverletzung kann es zu einer Störung des Hirnwasserflusses kommen, mit einer Erweiterung der Hirnwasserkammern im Gehirn (Hydrozephalus). Bei einer neurologischen Verschlechterung wird mittels Computertomographie (CT) geprüft, ob ein Hydrozephalus vorliegt. Ist dies der Fall, kann das Hirnwasser über ein Ableitungssystem behandelt werden, meist durch einen ventrikuloperitonealen Shunt. Bei bestehender Infektion kann vorübergehend eine externe Drainage erforderlich sein.
Störungen der Hirnanhangsdrüse (Hypophyse)
Verletzungen im Bereich der vorderen Schädelbasis können zu einer Unterfunktion der Hirnanhangsdrüse führen. Mögliche Anzeichen sind Störungen des Wasserhaushalts oder eine ausgeprägte Antriebslosigkeit. Diese Symptome treten häufig zeitverzögert auf und werden daher nicht immer sofort erkannt.
Hygrome und chronisch subdurale Hämatome
Eine spätere neurologische Verschlechterung kann durch Flüssigkeitsansammlungen zwischen Gehirn und harter Hirnhaut (posttraumatische Hygrome) oder durch Blutergüsse infolge langsam verlaufender Blutungen im Raum zwischen Schädelinnenseite und Gehirn (chronisch subdurale Hämatome) verursacht werden. Die Diagnostik erfolgt in der Regel mittels Computertomographie (CT). Üben diese Veränderungen Druck auf das Gehirn aus, kann eine operative Behandlung erforderlich sein.
Reimplantation des Schädelknochens
Nach einer operativen Öffnung des Schädels zur Druckentlastung (Dekompressionskraniotomie) werden viele Patientinnen und Patienten zunächst ohne eingesetzten Schädelknochen in die neurologische Rehabilitation verlegt. Der Zeitpunkt der Reimplantation wird individuell gemeinsam mit den behandelnden Neurochirurginnen und Neurochirurgen festgelegt. Eine frühzeitige Reimplantation kann das Gehirn schützen und mit neurologischen Verbesserungen einhergehen, stellt jedoch einen belastenden operativen Eingriff dar und erfordert eine sorgfältige Abwägung.
Auch für erfahrene Ärztinnen und Ärzte ist es in der ersten Zeit nach einem Unfall kaum möglich, allein anhand des neurologischen Befundes eine verlässliche Prognose zu stellen. Zwar gibt es bestimmte Verletzungsmuster, die auf ein erhöhtes Risiko für bleibende Beeinträchtigungen hinweisen können, dennoch bleibt der individuelle Verlauf oft unvorhersehbar. Eine sichere Einschätzung der zu erwartenden Einschränkungen ist zu diesem frühen Zeitpunkt meist nicht möglich.
Eine aussagekräftigere Beurteilung der Prognose lässt sich in der Regel erst einige Monate nach dem Unfall vornehmen, häufig nach etwa sechs Monaten. Für die meisten Patientinnen und Patienten ist eine weiterführende Behandlung in spezialisierten Rehabilitationskliniken sinnvoll. Das Potenzial für weitere funktionelle Verbesserungen sowie die langfristigen Auswirkungen auf Lebensqualität und Teilhabe können meist erst im Verlauf und in enger Zusammenarbeit mit dem Rehabilitationsteam realistisch eingeschätzt werden.
Neurorehabilitation
Nach einer schweren Schädelhirnverletzung ist eine gezielte neurologische Rehabilitation entscheidend, um die verbliebenen Fähigkeiten des Gehirns zu nutzen, Folgeschäden zu vermeiden und eine möglichst gute Wiedereingliederung in Familie, Alltag, Schule und Beruf zu erreichen. Die natürliche Erholungsfähigkeit des Gehirns reicht bei schweren Verletzungen allein meist nicht aus. Häufig liegen zusätzlich weitere Verletzungen vor, etwa an Armen und Beinen oder an inneren Organen, was die Rehabilitation komplex macht.
Die Neurorehabilitation beginnt in der Regel frühzeitig und schließt möglichst nahtlos an die Akutbehandlung an. Dabei spielt die Auswahl einer geeigneten Rehabilitationsklinik eine wichtige Rolle, insbesondere im Hinblick auf personelle und organisatorische Erfahrung mit dem Krankheitsbild Schädelhirntrauma. Patientinnen und Patienten verfügen im Rahmen der gesetzlichen Regelungen über ein Wunsch- und Wahlrecht bei der Auswahl der Einrichtung. Je nach Situation können auch Rehabilitationszentren außerhalb des Wohnumfeldes oder mit Wartezeiten in Betracht kommen.
Ziel der Neurorehabilitation ist es, die gestörte Bewusstseinslage zu verbessern und Betroffene zu selbstständigen, aktiven Handlungen anzuregen. Frühzeitig wird auf die Rückgewinnung früherer Fähigkeiten hingearbeitet – etwa durch Übungen zur Lebenspraxis wie Nahrungsaufnahme und Körperpflege, durch die Anbahnung willkürlicher Bewegungen in Armen und Beinen (Willkürmotorik) sowie durch Training der selbstständigen Fortbewegung (Mobilität). Darüber hinaus werden höhere Hirnfunktionen und ein möglichst stabiles, alltagsgerechtes Verhalten gefördert. Begleitend sind frühzeitige schulische und berufliche Maßnahmen wichtig, um die Eingliederung in Familie und soziales Umfeld sowie – je nach Situation – in Schule und Beruf zu unterstützen.
Die Rehabilitation erfolgt abhängig vom Schweregrad und Verlauf in aufeinander aufbauenden Phasen:
- Phase B: Frührehabilitation mit weiterhin notwendiger intensivmedizinischer Überwachung, z.B. bei schweren Bewusstseinsstörungen oder apallischem Syndrom.
- Phase C: Patientinnen und Patienten sind kooperationsfähig, benötigen aber noch medizinische Überwachung und intensive Pflege.
- Phase D: Weiterführende Rehabilitation mit weitgehend wiedererlangter Selbstständigkeit im Alltag.
- Phase E: Nachgehende Rehabilitation zur beruflichen, schulischen und sozialen Wiedereingliederung. Sie umfasst Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, an Bildung und am Leben in der Gemeinschaft.
- Phase F: Langfristige Versorgung bei schweren, meist dauerhaften Beeinträchtigungen, mit unterstützenden, betreuenden oder zustandserhaltenden Maßnahmen. Der Grad der Behinderung reicht von bleibender Bewusstlosigkeit (im sog. apallischen Syndrom/Wachkoma) bis zu ausgeprägten Funktionsstörungen der geistigen und körperlichen Fähigkeiten (z.B. Beatmungspflicht).
Verkehrsunfallopfer
Ein schwerer Verkehrsunfall verändert oft alles – von einem Moment auf den nächsten. Besonders gravierend sind die Folgen, wenn das Gehirn betroffen ist, etwa durch ein Schädelhirntrauma (SHT). Die körperlichen, psychischen und sozialen Auswirkungen solcher Verletzungen sind meist tiefgreifend und langfristig. In der ersten Zeit nach dem Unfall stehen medizinische Fragen im Vordergrund – Notaufnahme, Intensivstation, Reha. Doch auch rechtlich stellen sich früh entscheidende Weichen.
Betroffene und Angehörige stehen in der Ausnahmesituation nach dem Unfallereignis oft unter enormem Druck. Gleichzeitig gehen wichtige Informationen schnell verloren: Fotos vom Unfallort, medizinische Erstbefunde, Angaben zu Helfern oder erste Eindrücke von Einschränkungen und Schmerzen. In dieser frühen Phase kann die strukturierte Erfassung relevanter Fakten entscheidend sein – sowohl für die Durchsetzung außergerichtlicher Ansprüche als auch für mögliche spätere Gerichtsverfahren.
Die folgende Checkliste soll dabei unterstützen, wesentliche Informationen im Zusammenhang mit dem Unfall systematisch zu erfassen. Sie ersetzt keine anwaltliche Beratung, kann jedoch eine wichtige Grundlage für die weitere rechtliche und versicherungsrechtliche Bewertung darstellen.
In unserem Shop finden Sie unsere umfangreiche Broschüre zum Thema Verkehrsunfallopfer mit Schädelhirnverletzung.
Informationsmaterial
Die ZNS-Stiftung stellt umfangreiche Informationsmaterialien zur Verfügung, die vertiefend über das Schädelhirntrauma (SHT), die Prävention von Kopfverletzungen, Neuropsychologie, Nachsorge und weitere relevante Themen informieren. Die Materialien richten sich an Betroffene, Angehörige, Fachkräfte und weitere Interessierte.
In unserem Shop können Sie unsere Materalien kostenfrei bestellen, viele stehen zudem als PDF zum Download bereit.
Ergänzend bieten wir regelmäßig auf Social Media und auf unserer Webseite aktuelle Inhalte zur Aufklärung und Information an: In unserer Social-Media-Reihe „Wusstest du schon …?“ greifen wir zentrale Fragen rund um das Schädelhirntrauma verständlich aufbereitet und für eine breite Öffentlichkeit auf. Darüber hinaus informieren wir in regelmäßigen Blogartikeln über neue Entwicklungen aus Forschung und Medizin sowie über aktuelle Themen der Nachsorge.
Bitte beachten Sie: Die gewerbliche Nutzung, Reproduktion oder Veröffentlichung unserer Materialien – auch auszugsweise – ist nur mit schriftlicher Genehmigung der ZNS-Stiftung gestattet.
Glossar
Agnosie
Unfähigkeit, Objekte, Gesichter oder Geräusche trotz intakter Sinnesorgane richtig zu erkennen.
Akustische Stimulation
Anregung durch Klänge oder Geräusche.
Amnesie
Zeitlich begrenzter Gedächtnisverlust, entweder für Ereignisse vor (retrograd) oder nach (anterograd) einem Unfall.
Anamnese
Erhebung der Krankengeschichte durch gezieltes Befragen.
Anosognosie
Unfähigkeit, eigene krankhafte Störungen zu erkennen.
Antiepileptika
Medikamente zur Behandlung und Vorbeugung von epileptischen Anfällen.
Apallisches Syndrom / Apallisches Durchgangssyndrom / Wachkoma
Zustand, in dem der Patient wach erscheint, aber keinen bewussten Kontakt zur Umgebung aufnehmen kann. Die Augen sind geöffnet, aber es besteht kein gezielter Blickkontakt. Vegetative Funktionen wie Atmung und Kreislauf sind erhalten, Nahrungsaufnahme erfolgt meist über eine Sonde.
Apraxie
Unfähigkeit, gezielte Bewegungsabläufe auszuführen, obwohl keine Lähmung oder Koordinationsstörung vorliegt.
Arachnoidea
Spinngewebshaut; mittlere Hirnhaut zwischen harter Hirnhaut und Gehirn.
Arterielle Kanüle
Dünner Kunststoffschlauch, der in eine Arterie eingeführt wird, um Blutdruck und Sauerstoffsättigung zu messen oder Blutproben zu entnehmen.
Ataxie
Störung der Bewegungskoordination.
Axonale Schädigung
Schädigung des Fortsatzes einer Nervenzelle (Axon), was zum Absterben der Zelle führen kann.
Bahnung
Durch gezielte Reize werden neue Funktionskreise im Gehirn aufgebaut, um Bewegungen zu ermöglichen.
Basale Stimulation
Methode zur Förderung von Wahrnehmung und Reaktionsfähigkeit durch einfache Reize.
Beschleunigungstrauma
Verletzung durch plötzliche Beschleunigung des Kopfes, z. B. durch Schlag oder Stoß.
Blasenkatheter
Schlauch zur Ableitung von Urin aus der Blase.
Bobath-Methode / Bobath-Therapie
Physiotherapeutisches Konzept zur Behandlung von Bewegungsstörungen und Lähmungen, insbesondere nach Schädigungen des zentralen Nervensystems. Ziel ist die Hemmung pathologischer Reflexe und der Aufbau normaler Bewegungsabläufe.
Bremstrauma
Verletzung durch plötzliches Abbremsen des Kopfes, z. B. bei einem Sturz.
Cerebral
Das Gehirn betreffend.
Computertomographie (CT)
Bildgebendes Verfahren, bei dem mithilfe von Röntgenstrahlen und Computerberechnung Schnittbilder des Gehirns erstellt werden, um Blutungen oder andere Veränderungen sichtbar zu machen.
Contusio cerebri
Gehirnquetschung; schwere Verletzung des Gehirns durch äußere Gewalteinwirkung.
Corpus callosum
Balken; Nervenfaserverbindung zwischen den beiden Gehirnhälften.
Dekubitus
Druckgeschwür durch langes Liegen.
Dura
Äußere Hirnhaut, die das Gehirn und Rückenmark umgibt.
Dysarthrie
Sprechstörung durch Beeinträchtigung der Lautbildung.
Dysphagie
Schluckstörung.
EEG (Elektroenzephalogramm)
Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns über Elektroden am Kopf, dient zur Überwachung und Diagnostik von Hirnfunktionen.
EKG (Elektrokardiogramm)
Messung der elektrischen Aktivität des Herzens zur Überwachung der Herzfunktion.
Epidurales Hämatom / epidural
Blutung zwischen Schädelknochen und harter Hirnhaut (Dura).
Epilepsie
Krankheit mit wiederkehrenden Anfällen durch plötzliche elektrische Entladungen im Gehirn.
Ergotherapie
Therapie zur Förderung der Selbstständigkeit im Alltag bei Menschen mit Einschränkungen durch Krankheit, Behinderung oder Alter.
Evozierte Potentiale (VEP, AEP, MEP, SEP)
Messung der Nervenleitfähigkeit durch gezielte Reize.
Facio-orale Therapie (F.O.T.T.)
Therapie bei Störungen des Schluckens, Sprechens und der Atmung.
Fazialisparese
Lähmung einer Gesichtshälfte, meist durch Schädigung des Gesichtsnervs.
Fraktur
Knochenbruch.
Frontalhirnsyndrom
Verhaltensänderungen durch Schädigung des Stirnhirns (Frontallappen).
Frontal / Stirnlappen (Frontallappen)
Das Stirngebiet des Gehirns betreffend; steuert u. a. Verhalten und Sprache.
Gehirnerschütterung (leichtes Schädelhirntrauma/commotio cerebri)
Hervorgerufen nach einer Gewalteinwirkung auf den Kopf.
Gesichtsfeldeinschränkung
Einschränkung des Gesichtsfeldes durch Schädigung der Sehzentren im Gehirn.
Großhirn
Größter Teil des Gehirns, steuert u. a. Denken, Verhalten und Erleben.
Haptisch
Den Tastsinn betreffend.
Hämatom
Bluterguss.
Hemiparese
Unvollständige Lähmung einer Körperhälfte.
Hinterhauptlappen (Occipitallappen / occipital)
Hinterer Teil des Gehirns, enthält das Sehzentrum.
Hippotherapie
Physiotherapie auf speziell ausgebildeten Pferden zur Förderung der Bewegung.
Hirndruck / Hirndruckmessung
Druck im Schädelinneren; Messung dient der Überwachung und Behandlung bei erhöhtem Hirndruck.
Hirnödem
Schwellung des Gehirns durch Flüssigkeitsansammlung, führt zu Drucksteigerung und Sauerstoffmangel.
Hirnstamm
Steuert lebenswichtige, unbewusste Körperfunktionen wie Atmung und Kreislauf.
Hypophyseninsuffizienz
Funktionsstörung der Hirnanhangsdrüse, die u. a. den Hormonhaushalt beeinflusst.
Hypoxie
Sauerstoffmangel im Gewebe.
Impressionsbruch
Unvollständiger Bruch des Schädeldachs durch Eindrücken des Knochens.
Infusion
Zufuhr von Flüssigkeiten in die Blutbahn.
Inkontinenz / Kontinenz
Unvermögen bzw. Fähigkeit, Urin und Stuhl zurückzuhalten.
Intracerebral / Intrakraniell
In der Hirnsubstanz bzw. im Schädelinneren gelegen.
Intubation
Einführen eines Beatmungsschlauchs in die Luftröhre durch Mund oder Nase.
Katheter
Allgemeiner Begriff für einen flexiblen Schlauch zur Ableitung oder Zufuhr von Flüssigkeiten.
Kernspintomographie (MRT, MRI)
Bildgebendes Verfahren ohne Röntgenstrahlen, das mithilfe eines Magnetfelds Schnittbilder des Gehirns erstellt.
Kleinhirn (Cerebellum)
Teil des Gehirns, der Bewegungskoordination und Gleichgewicht steuert.
Kognitiv
Wahrnehmung, Denken, Gedächtnis und Aufmerksamkeit betreffend.
Koma
Tiefe, anhaltende Bewusstlosigkeit, die durch äußere Reize nicht unterbrochen werden kann.
Kontraktur
Einschränkung der Gelenkbeweglichkeit durch Verkürzung von Muskeln oder Sehnen.
Läsion
Schädigung oder Funktionsstörung eines Organs oder Körperteils.
Liquor
Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit, die das zentrale Nervensystem umgibt.
Logopädie / Sprachtherapie
Diagnostik und Behandlung von Stimm-, Sprech- und Sprachstörungen zur Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit.
Luftröhrenschnitt / Tracheotomie
Chirurgische Anlage einer Öffnung in der Luftröhre zur Beatmung.
Magnetresonanztomographie (MRT, MRI)
Siehe Kernspintomographie.
Meningitis
Entzündung der Hirnhäute.
Mobilisation
Förderung der Beweglichkeit, z. B. vom Bett in den Stand oder Rollstuhl.
Motorik
Gesamtheit der willkürlichen Bewegungen.
Mutismus
Unfähigkeit oder Weigerung zu sprechen, obwohl die Sprechorgane intakt sind.
Neglect
Vernachlässigung einer Raum- oder Körperhälfte infolge einer Hirnschädigung.
Neologismen
Wortneuschöpfungen, die anstelle des richtigen Wortes verwendet werden.
Neurochirurgie
Chirurgisches Fachgebiet für Operationen am zentralen und peripheren Nervensystem.
Neurologie
Lehre von Erkrankungen und Schädigungen des Nervensystems.
Neuropsychologie
Fachgebiet, das sich mit den Zusammenhängen zwischen Hirnfunktionen und Verhalten sowie deren Störungen befasst.
Optische Stimulation
Anregung durch Licht- oder Wahrnehmungsreize.
Occipital
Das Hinterhaupt betreffend.
Paraphrasie
Verwendung eines falschen Wortes oder Ausdrucks.
Parenterale Ernährung
Zufuhr von Nährstoffen über Infusionen direkt ins Blut.
Parietal
Das Scheitelgebiet des Gehirns betreffend.
Parese
Unvollständige Lähmung.
Pathologisch
Krankhaft.
Pädiatrie
Kinderheilkunde.
PEG (perkutane endoskopische Gastrostomie)
Ernährungssonde, die durch die Bauchdecke direkt in den Magen gelegt wird.
Plegie
Vollständige Lähmung.
Polytrauma
Mehrfachverletzung.
Posttraumatisch
Nach einem Trauma oder einer Verletzung.
Praxie
Fähigkeit, zielgerichtete Handlungen zu planen und auszuführen.
Physiotherapie (Krankengymnastik)
Behandlung von Bewegungsstörungen zur Verbesserung der Motorik und Koordination, z. B. nach Bobath.
Psychopharmaka
Medikamente, die auf die Hirnfunktion dämpfend oder anregend wirken.
Psychosomatik
Lehre von den Wechselwirkungen zwischen Körper und Seele.
Psychosyndrom
Gesamtheit aller unfallbedingten intellektuellen, kognitiven und verhaltensbezogenen Störungen der Gehirnfunktion.
Psychotherapie
Behandlung psychischer Störungen durch Gespräche und andere therapeutische Methoden.
Reflex
Unwillkürliche Reaktion auf einen Reiz.
Regression
Rückfall in frühere, kindliche Verhaltensweisen.
Rehabilitation
Gezielte Maßnahmen zur Wiederherstellung körperlicher und geistiger Fähigkeiten nach Krankheit oder Unfall.
Remission
Sichtbare Besserung oder Erholung von gestörten Hirnfunktionen.
Restaphasie
Verbleibende Sprachstörungen nach einer Aphasie.
Rooming-in
Mitaufnahme eines Elternteils im Patientenzimmer.
Schädelhirntrauma (SHT)
Verletzung von Schädel und Gehirn durch äußere Gewalteinwirkung, oft mit Komplikationen verbunden.
Scheitellappen (Parietallappen / parietal)
Bereich des Gehirns, der u. a. für die Verarbeitung sensorischer Informationen zuständig ist.
Schläfenlappen (Temporallappen / temporal)
Bereich des Gehirns, der für Sprache und Gedächtnis wichtig ist.
Shunt
Dünner Schlauch zur Ableitung von Flüssigkeiten, z. B. Hirnwasser.
Spastik
Erhöhte Muskelspannung mit Verkrampfung oder Starre, meist durch Fehlsteuerung im Gehirn.
Spitzfuß
Fehlstellung des Fußes durch Verkürzung der Achillessehne oder Spastik.
Stammhirn
Ältester Teil des Gehirns, steuert lebenswichtige Funktionen.
Stimulus
Reiz, der eine Reaktion auslöst.
Strabismus
Schielen.
Subarachnoidales Hämatom / Subarachnoidalblutung
Blutung unterhalb der Spinngewebshaut (Arachnoidea).
Subdurales Hämatom / subdural
Blutung unterhalb der harten Hirnhaut (Dura).
Synapse
Kontaktstelle zwischen zwei Nervenzellen.
Syndrom
Kombination mehrerer gleichzeitig auftretender Krankheitszeichen.
Taktile Stimulation
Anregung durch Berührungsreize.
Temporal
Das Schläfengebiet betreffend.
Tetraparese
Unvollständige Lähmung aller vier Gliedmaßen.
Tetraplegie
Vollständige Lähmung aller vier Gliedmaßen.
Tonus
Spannungszustand von Muskeln, Nerven oder Haut.
Trachealkanüle
Schlauch zur künstlichen Beatmung durch die Luftröhre.
Tracheostoma
Künstliche Öffnung der Luftröhre unterhalb des Kehlkopfes.
Tracheotomie
Chirurgische Eröffnung der Luftröhre (siehe Luftröhrenschnitt).
Transmitter
Botenstoffe, die an Synapsen Informationen zwischen Nervenzellen übertragen.
Tremor
Unwillkürliches Zittern, das auch in Ruhe auftreten kann.
Umstellfähigkeit
Fähigkeit, sich rasch auf veränderte Bedingungen einzustellen.
Urinkatheter
Schlauch zur Ableitung von Urin in ein Sammelgefäß.
Vegetatives Nervensystem (VNS)
Autonomes Nervensystem, das lebenswichtige Funktionen wie Atmung, Kreislauf und Verdauung steuert und nicht dem Willen unterliegt.
Venenkatheter / Zentralvenenkatheter (ZVK)
Schlauch zur Zufuhr von Medikamenten oder Ernährung direkt in eine Vene.
Ventrikel
Mit Flüssigkeit gefüllte Hohlräume im Gehirn.
Wachkoma
Laienbegriff für apallisches Durchgangssyndrom (siehe Apallisches Syndrom).
Zentrales Nervensystem (ZNS)
Bezeichnung für Gehirn und Rückenmark.
Zwischenhirn
Teil des Gehirns, der wichtige Lebensfunktionen reguliert.